Dresden ist seit Monaten geprägt von einem Spannungsfeld zwischen Willkommenskultur und Vorbehalten gegenüber oder gar Ablehnung von geflüchteten Menschen. Diese Ablehnung zeigt sich nicht nur bei PEGIDA-Demonstrationen, sondern auch in einer steigenden Zahl rassistisch motivierter Übergriffe. Dresden steht in diesem Zusammenhang deutschlandweit und international in den Schlagzeilen.

Gleichzeitig ist die Stadt gefordert, ausreichende Unterbringungskapazitäten für Geflüchtete zu gewährleisten und findet aktuell kaum Alternativen zu provisorischen und beengten Massenunterkünften. Schnell steigende Mieten sorgen für einen angespannten Wohnungsmarkt in Dresden und bedeuten eine zusätzliche Hürde nicht nur, aber auch für anerkannte Geflüchtete. Diese Gemengelage führt zur sozialen Segregation, das heißt, dass Menschen mit geringem Einkommen (u.a. Geflüchtete) nicht mehr im Zentrum oder in der Dresdner Neustadt leben können. Vor diesem Hintergrund braucht die Stadt Dresden dringend Beispiele für gelingende Integration und beispielhaftes interkulturelles Zusammenleben durch inklusiven sozialen Wohnungsbau.

Gutes (interkulturelles) Zusammenleben trotz Unterschieden in Sprache, Kultur und Lebensgewohnheiten gelingt nicht per se. Das Experimentierzentrum Elixir wird ein Raum sein, in dem Geflüchtete und Dresdner_innen mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam leben, lernen, Kultur schaffen und arbeiten können. Das Experimentierzentrum wird Strukturen und Rahmenbedingungen des Zusammenlebens erkunden und einen ganz praktischen und wichtigen Beitrag für das Zusammenleben in Dresden bieten.

Bundesweit bestehen bereits ähnliche Projekte oder werden derzeit geplant oder umgesetzt. Erste Kontakte zu diesen Projekten wurden für einen Erfahrungsaustausch geknüpft und werden in Zukunft weiter intensiviert. Beispielhaft sind das Grandhotel Cosmopolis in Augsburg oder das Bellevue di Monaco in München.

Ein Blick in andere Städte:

Unabhängig von Herkunft, Wohndauer im Haus oder Sprachkenntnissen: Anspruch des Projektes ist die gleichberechtigte Teilhabe aller Bewohner_innen durch gemeinsame Verantwortung und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Eine gute - nachahmbare - Praxis für interkulturelles Zusammenleben zu entwickeln, ist Teil des Modellprojektes.

Wohnort

Herzstück des Experimentierzentrums ist der interkulturelle Wohnbereich für etwa 150 Personen. Wohnraum entsteht sowohl durch Neubauten für ca. 100 Personen als auch im Seitenflügel des zu sanierenden Hauptgebäudes. Um unterschiedlichen Bedürfnissen hinsichtlich der Wohnform zu entsprechen, werden Wohngemeinschaften, Familienwohnungen und Wohnung für Einzelpersonen realisiert. In diesen Wohnbereichen werden Geflüchtete im Asylverfahren und mit Anerkennung sowie Dresdner_innen gemeinsam wohnen. Ein weiteres zentrales Element sind Räumlichkeiten für die gemeinschaftliche Nutzung der Bewohner_innen.

Begegnungs- und Lernorte

Das Projekt bietet Räume für Begegnung, Lernen, Kunst und Kultur für die Bewohner_innen des Experimentierraums, des Stadtteils sowie der ganzen Stadt. Geflüchtete haben so vom ersten Tag an Gelegenheit erfüllende Tätigkeiten und Perspektiven auf ein gutes Leben in Dresden zu finden.

Das alles könnte entstehen:

  • ein selbstorganisiertes Beratungszentrum für Integration in Bildung, Arbeit oder Wohnungsmarkt sowie unterstützendes Netzwerk von migrantischen Lots_innen und Pat_innen, die den neuen Dresdner_innen beim Zurechtfinden helfen,
  • Bildungsangebote von Dresdner Bildungsträgern und selbstorganisierte Bildung, z.B. Computer- oder Sprachkurse, Gesundheitsangebote, Do-it-Yourself-Workshops,
  • Treffen von ehrenamtlichen Gruppen und Initiativen aus dem Stadtteil,
  • ein Internationaler Nachbarschaftsgarten,
  • Gastronomie mit preiswertem Mittagstisch, teils von Geflüchteten betrieben,
  • Interkulturelle Abende mit Lesungen oder Konzerten,
  • Werkstätten und Ateliers in den Baracken/Garagen auf dem Gelände.


Gerade sind die Neuen angekommen: Asylsuchende, die neu in Dresden sind und von der Stadt Dresden diese Unterbringung zugewiesen bekommen haben. Jasmin, die seit 9 Monaten hier wohnt und seit 4 Monaten ihre Anerkennung als Geflüchtete hat, empfängt sie. Ihre Aufgabe als Lotsin ist es, ihnen ihre Zimmer in den WGs und die Gemeinschaftsräume zu zeigen. Außerdem macht sie sie kurz mit den wichtigsten Regeln des Zusammenlebens vertraut. Sie erklärt, wann Fragen, die alle in der WG betreffen, gemeinsam besprochen werden und wer bei Konflikten weiterhilft. Anschließend zeigt sie ihnen den Speisesaal mit großer Küche im Zwischenbau, wo zweimal in der Woche ein paar Bewohner_innen für alle, die mit essen wollen, kochen. Jasmin weiß, dass es ganz schön kompliziert für die Neuen ist sich zurechtzufinden. Doch am Abend werden sie ihre Paten und Patinnen kennen-lernen, die sie in der ersten Zeit intensiv unterstützen.

Jetzt muss Jasmin sich beeilen, weil heute ein Workshop mit interessierten Heimleiter_innen aus ganz Sachsen zum Modellprojekt des interkulturellen Zusammenlebens stattfindet. Sie soll ihnen das System von Lotsen und Paten erklären. In deutscher Sprache. Ein bisschen aufregend ist das schon, aber in den letzten Monaten hat sie so viel deutsch mit ihren Mitbewohner_innen gesprochen, dass sie sich das zutraut.

Um zum Seminarraum zu kommen, muss sie an der Zweigstelle einer Dresdner Migrationsberatung vorbei. Dort warten bereits ein paar Geflüchtete auf Beratung zu Arbeit, Wohnung, Sprachkursen. Sie schaut kurz auf die Bilder an der Wand - entstanden bei einem Zeichenworkshop mit deutschen und geflüchteten Jugendlichen vor einem Monat. Jasmin hofft, dass der Baulärm bis zum Seminarbeginn nachlässt. Die Räume für die Kantine sind noch nicht fertig. Ihr Mitbewohner, der vor seiner Flucht als Koch gearbeitet hat, freut sich schon darauf, bald in der Tagescafé zu arbeiten. Jasmin selbst ist mit ihrer Arbeit als Lotsin zufrieden.

Nachmittags trifft sie sich meist noch mit Freunden, um ihr Beet im Gemeinschaftsgarten hinter dem Haus zu pflegen. Dann ist sie froh, abends allein in ihrem Zimmer zu sein - auch wenn sie dann nicht bei allen regelmäßig stattfindenden Filmabenden oder Konzerten im Veranstaltungszentrum dabei ist.

Die Gebäude der Königsbrücker Straße 117a/119 (Vogelperspektive bei bing.com) im Norden der Dresdner Neustadt wurden 1878 als Arbeitshaus in Betrieb genommen und zwischenzeitlich u. a. als Vermögensamt genutzt. Als städtisches Eigentum stehen sie seit über zehn Jahren leer und erlitten trotz gelegentlicher Sicherungsmaßnahmen erheblichen Schaden. Ende 2015 waren die Grundstücke von der Stadt Dresden zum wiederholten Male zum Verkauf ausgeschrieben, mit einem Mindestgebot von 1,27 Mio. Euro.


Abbildung 1

Vorderansicht des Haupthause der Königsbrücker Straße 117a/119

Die Hauptgebäude mit einer nutzbaren Fläche von etwa 2.900 m² bestehen aus dem 4-stöckigen Haupthaus (2.1) (Google streetview) und einem Seitenflügel (2.3). Diese beiden Gebäude sind durch einen 3-stöckigen Zwischenbau (2.2) miteinander verbunden. Westlich des Hauptgebäudes befinden sich eine stark verfallene ehemalige Kapelle (3) sowie mehrere einstöckige Nebengebäude. Das Gelände umfasst eine Fläche von 12.700 m². Es wird von der Königsbrücker Straße und der Bahnlinie Richtung Bautzen/Görlitz begrenzt.


Abbildung 2

Zukünftiges Gebäudeensemble der Königsbrücker Straße 117a/119: gelb - Altbau, weiß - Neubau

Im Hauptgebäude (2.1) und im Zwischenbau (2.2) werden öffentlich nutzbare Einrichtungen wie ein Beratungszentrum, Multifunktionsräume oder ein Café entstehen. Die Kapelle (3) wird zukünftig als öffentliches Veranstaltungszentrum für Theater-, Kino-, Konzertveranstaltungen dienen. Die öffentlichen Räume im Hauptgebäude und in der Kapelle werden für alle Menschen in Dresden offen stehen. Im Seitenflügel (2.3) wird neuer Wohnraum geschaffen. Mit dem Neubau von drei Wohngebäuden (1.1, 1.2, 1.3) im hinteren Teil des Geländes, der Sanierung des Hauptgebäudes und der Gestaltung der Garagen (4.1, 4.2, 4.3) als Werkstätten und Ateliers entsteht ein ideales Ensemble mit Freiflächen in der Mitte, auf denen die Wege der Bewohner_innen sich kreuzen, Begegnungen möglich werden und Freizeit geteilt werden kann.

Die Instandsetzung von Gebäude und Gelände wird integraler Bestandteil des Experimentierzentrums sein. Geflüchtete, die bereits in die Neubauten im hinteren Teil des Geländes eingezogen sind, werden über Ausbildungs- und Arbeitsplätze an der Sanierung beteiligt. Die zukünftigen Nutzer_innen der Gebäude sowie Menschen aus dem Stadtteil und der Stadt sind eingeladen an unserer internationalen Baustelle teilzunehmen.

Bereits während der ersten Bauphase werden die Nebengebäude im hinteren Teil des Geländes provisorisch für Kunst- und Kulturprojekte und für Veranstaltungen nutzbar gemacht. Dadurch wird der Charakter des Geländes als Ort der Begegnung und der Kultur von Anfang an geprägt.

Die Grundlage des Projektes bilden der Verein Elixir Dresden sowie die zu gründende Genossenschaft. Der Neubau sowie die Sanierung der Altbauten werden vorrangig über Genossenschaftsanteile, Fördermittel und Bankkredite finanziert. Insbesondere für den Aufbau des Kultur- und Bildungszentrums werden weitere finanzielle Mittel durch den Verein Elixir Dresden über eine bundesweite crowdfunding-Kampagne und Spenden eingeworben. Idealerweise sollte von Seiten der Stadt Dresden eine Nutzung des Areals durch einen Erbbaurechtsvertrag ermöglicht werden. Dieses Modellprojekt kann nur mit politischer Unterstützung der Stadt Dresden realisiert werden.

  • Bringen Sie Ihr Know-How in die Projektgruppe ein. Arbeiten Sie mit oder helfen Sie uns durch punktuelle thematische Unterstützung.
  • Unterstützen Sie uns durch Spenden. Auch der Planungsprozess kostet Geld.
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